Friedensforum Lahr

22. Oktober 2015

Kirche und Pazifismus
Vortrag von Theo Ziegler

Theo Ziegler - Foto: Privat
Auf Einladung der evangelischen Kirchen­gemeinden und des Friedensforums Lahr sprach Theo Ziegler im Gemeindesaal am Doler Platz. Zieger ist Religionslehrer in Breisach, seit 40 Jahren friedenspolitisch auf verschiedenen Ebenen und in kirchlichen Gremien aktiv. Er ist zudem Mitinitiator des neuen friedensethischen Leitbildes, das auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juni in Stuttgart zur Diskussion gestellt wurde.

Die Initiativen innerhalb der evangelischen Landeskirchen, ihre bislang zwiespältige Position zum Krieg aufzugeben und Krieg als Mittel der politischen Auseinandersetzung ein für alle Mal zu ächten, wurden in den vergangenen Jahren von der Synode aufgenommen und es fand eine breite Diskussion statt. Theo Ziegler berichtete, daß es in 23 der 25 Kirchenbezirke Diskussions-Veranstaltungen zu diesem Thema gegeben hat. Dennoch wird das nicht selten auch innerhalb des Christentums als radikal empfundene Ziel eines Ausstiegs aus der militärischen Sicherheitspolitik bislang von einer Mehrheit der Bezirkssynoden nicht geteilt.

Immerhin beschloß die Evangelische Landeskirche in Baden im Oktober 2013 eine gemeinsame neue Leitlinie mit dem Ziel, sich zu einer "Kirche des gerechten Friedens" weiterzuentwickeln. Ziegler verwies auf die darin enthaltene Selbstkritik: "In der Beschäftigung mit der Friedensethik ist uns bewußt geworden, daß wir dem Friedensthema zu wenig Beachtung geschenkt haben..." Eine der in diesem Beschluß formulierten zwölf Ziele ist daher die Selbstverpflichtung der Landssynode, in Zukunft mindestens einmal im Laufe einer Amtsperiode das Thema Frieden auf ihre Tagesordnung zu setzen. Neben diesem Beschluß ist die innerkirchliche Diskussion um die friedensethische Ausrichtung in einer Broschüre mit dem Titel "Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens" dokumentiert.

Ziegler griff ein Bild der Bronzefigur des russischen Bildhauers Jewgeni Wutschetitsch mit dem Motiv eines Schmiedes, der ein Schwert mit dem Hammer bearbeitet, um daraus einen Pflug zu formen, auf: Die Figur bezieht sich auf zwei Stellen im alten Testament mit der Prophezeiung, die Völker "werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen." In diesen alten Prophetenworten sind nach Zieglers Interpretation vier wegweisende Gedanken enthalten. Um kriegerische Konflikte zu vermeiden sei eine übergeordnete Instanz nötig. In früheren Zeiten war die Hoffnung auf Gott selbst gerichtet, heute aber - so Ziegler - müsse die UNO die Aufgabe eines Weltgerichtshofs übernehmen.

Als zweiten wichtigen Gedanken hob er hervor, daß es in dem Bibel-Text heißt, die Völker würden "fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen". Damit sei die wichtige Erkenntnis verbunden: Es handelt sich bei Krieg keineswegs um einen spontanen Akt, sondern das "Kriegshandwerk" muß erlernt werden und zur Vorbereitung von Kriegen mußten zu allen Zeiten immense materielle Aufwendungen erbracht werden. Der zentrale Gedanke, der sich im Motiv "Schwerter zu Pflugscharen" ausdrückt, sei die Aufgabe der Rüstungskonversion. Auch Waffenfabriken wie etwa Heckler&Koch in Oberndorf am Neckar könnten Dank des vorhandenen Knowhow an Ingenieurswissen ohne Verlust von Arbeitsplätzen in Fabriken für die Produktion von zivilen Gütern umgewandelt werden. Und als vierten Gedanken, der ihm selbst - so Ziegler - erst vor wenigen Jahren bewußt wurde, schließt die Prophezeiung eine positive Perspektive mit ein: Die Menschen können in Zukunft "unter ihrem Weinstock und ihrem Feigenbaum" sitzen - also daß Menschen weltweit das Leben und die Früchte ihrer Arbeit angstfrei genießen können.

Mit dem - auch in kirchlichen Kreisen nicht seltenen - Vorwurf, diese Perspektive sei "illusionär", setzte sich Ziegler gründlich auseinander. Noch vor nicht allzu langer Zeit habe es auch als "illusionär gegolten, die Abschaffung der Sklaverei zu fordern. Lange Zeit sei als Argument für die Selbstverständlichkeit, Sklaven halten zu dürfen, das Argument ins Feld geführt worden, Sklavenhaltung habe es schon immer gegeben. Heute sei die Sklaverei zwar noch nicht endgültig überwunden, doch immerhin habe sich weltweit ein breiter Grundkonsens durchgesetzt, daß Sklaverei zu ächten ist. Ähnliches könne geschichtlich in Hinblick auf den Übergang von der Herrschaft durch Fürsten und Könige hin zu Demokratien oder - heute immer noch aktuell - bei der Abschaffung der Todesstrafe beobachtet werden. Und so ist nach Zieglers Überzeugung auch die Entmilitarisierung Deutschlands eine realistische Zielsetzung.