Friedensforum Lahr

6. Juli 2016
Vortrags-Veranstaltung in Kooperation von FFL und Mediathek Lahr

Frieden und die Ökonomie der Teilens

Paul Schobel - Joachim E. Röttgers - Creative-Commons-Lizenz 'Namensnennung 3.0 nicht portiert'
Paul Schobel skizzierte in seinem Vortrag die Vision einer auf der christlichen Ethik basierenden "Ökonomie des Teilens". Er versuchte damit zugleich, einen Ausweg aus der Kriege und Elend verursachenden kapitalistischen Ökonomie aufzuzeigen. Laut der UNO-Flüchtlingshilfe waren Ende 2015 rund 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Im Vergleich dazu waren es ein Jahr zuvor rund 60 Millionen, vor zehn Jahren 37,5 Millionen Menschen. Schobel erinnerte daran, daß diese Menschen weit überwiegend vor Bürgerkriegen und Gewalt fliehen.

Selbst in Zeiten stark ansteigender Zahlen sind Flüchtlinge global sehr ungleich verteilt. Reichere Länder nehmen weit weniger Flüchtlinge auf als weniger reiche. Der Libanon beherbergt im Vergleich zu seiner Bevölkerungszahl, die höchste Zahl von Flüchtlingen: Auf 1.000 Einwohner kommen dort 257 Flüchtlinge.

Flüchtlinge nach Ländern - Promille-Anteil an der Bevölkerung - Quelle: Pro Asyl

Nach Deutschland sind 2015 knapp eine Million Flüchtlinge gekommen. In der Türkei leben derzeit mehr als 3 Millionen Flüchtlinge. Wobei die Türkei mit 79 Millionen EinwohnerInnen ungefähr so viel Bevölkerung hat wie Deutschland, aber sehr viel ärmer ist. Drei Millionen arabische oder kurdische Flüchtlinge dürfen unentgeltlich Bildungsangebote und die Leistungen des türkischen Gesundheitswesens in Anspruch nehmen. Als das Welternährungsprogramm die Nahrungsmittel-Rationen für Flüchtlinge massiv reduzieren mußte, weil die reichen Länder dieser Welt keine weiteren Mittel zur Verfügung stellen wollten, sprang die türkische Regierung ein und schloß die Finanzierungslücke.

Knapp neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) befanden sich 2015 in Ländern, die als wirtschaftlich weniger entwickelt gelten. Ein Viertel aller Flüchtlinge war in Staaten, die auf der UN-Liste der am wenigsten entwickelten Länder zu finden sind. Sie vegetieren oft in Flüchtlingslagern in den Nachbarstaaten der Länder, aus denen sie flohen, perspektivlos vor sich hin, ohne Zukunft und ohne Hoffnung.

Paul Schobel prangerte die menschenverachtende Redeweise von den "Wirtschaftsflüchtlingen" an. Wenn Menschen vor Armut und Hunger aus ihrer Heimat fliehen müssen, haben dies in den weitaus meisten Fällen die reichen "westlichen" Staaten verursacht, so Schobel. In naher Zukunft werde ein weiteres Segment hinzukommen: Klima-Flüchtlinge.

In dem von Paul Schobel mitverfaßten 'Rottenburger Appell' mit dem Titel "Für eine Ökonomie des Teilens - für eine soziale, nachhaltige Marktwirtschaft" heißt es unmißverständlich: "Der Kapitalismus bedroht auch die Schöpfung durch Ausbeutung der Ressourcen und Schädigung der Umwelt."

"Wir müssen eine neue Ökonomie aufbauen, eine Ökonomie des Teilens," mahnt Schobel. Notwendig sei hierzu erst einmal, den Dingen auf den Grund zu gehen. Verteilungskämpfe seien oft "religiös geimpft und aufgeladen". Es gelte aber die herkömmliche Wirtschaftsweise auf den Prüfstand zu stellen. Papst Franziskus, über dessen Aussagen sich der Katholik Paul Schobel sehr freut, sprach von einer "Wirtschaft der Disparitäten". Papst Franziskus habe auch gesagt: "Diese Wirtschaft tötet."

Nach Ansicht von Paul Schobel handelt es sich um "eine völlig verkehrte Welt", da es im Kapitalismus um die Mehrung der Rendite gehe - "nicht nur als Ziel Nummer Eins, sondern als einziges Ziel!" Allgemeinwohl werde in der klassischen ökonomischen Lehre allenfalls als Abfallprodukt dieses Grundprinzips betrachtet. Papst Franziskus stelle dagegen in den Mittelpunkt, "ein gutes Leben für alle Menschen" zu organisieren.

Die "Finanzmarkt-Krise", die im Jahr 2007 begann, ist nach Ansicht von Schobel noch längst nicht ausgestanden. Nach Schätzungen von Fachleuten sind rund 1,5 Billionen US-Dollar in Blasen geplatzt. Durch diese Krise sei die Menschheit um hundert Jahre zurückgeworfen worden. Auch der neueste Skandal, die internationale Geldwäsche, die über Panama abgewickelt wurde, sei kein Grund für Optimismus, so Schobel. Noch gebe es keinen Konsens unter den Regierungen, diese "Waschanstalten" zu schließen.

Paul Schobel vertritt die These, daß die neoliberale Ideologie des schwachen Staates sich bereits ab 1972 auszubreiten begann - und diese Ideologie sei die eigentliche Ursache für die heute zu Tage tretenden und immer offensichtlicher werdenden Folgeerscheinungen des Kapitalismus. Als Stichworte nannte Schobel die Aufgabe der Zinskontrolle, mangelnde Kontrolle der internationalen Kapitalströme, Deregulierung und Marktfetischismus. Gipfelpunkt dieser verfehlten Entwicklung sei in Deutschland die "Agenda 2010" unter Bundeskanzler Gerhard Schröder gewesen.

Eine neue Eskalationsstufe werde mit der Bildung großer Welthandelsblöcke mit Hilfe von TTIP und CETA vorangetrieben. Schobel: "Diese Abkommen können die Wirkung entfalten, daß Drittländer vollends an die Wand fahren." Unmißverständlich mahnte er: "So werden wir die Märkte in Afrika kaputt machen!" Hoffnungsvoll setzte er dem entgegen, es sei Zeit für ein Weltabkommen für fairen Handel.

Auch die mittelständische Industrie in Schwaben und in Baden werde wider Willen hinein in den Strudel gezogen. In Gesprächen mit Eignern von KfZ-Zulieferbetrieben hätten diese selbst gesagt, es herrsche das recht des Stärkeren. Ein kapitalistisches Regulativ wie die Konkurrenz werde mehr und mehr ausgehebelt. Schobel zieht die Bilanz, daß die Friedensbewegung "gar nicht mehr um die Ökonomie" herumkomme.

Im zweiten Teil seines Vortrags lud Schobel dazu ein, sich mit ihm auf die Suche zu begeben: Wie könnte eine Ökonomie des Teilens aussehen?

Eine Fundgrube ist für Schobel hierbei das Alte Testament, die Texte der Juden. Schon in diesem Teil der Bibel heiße es: Es ist genug für alle da! Nebenbei erwähnt Schobel, daß er eine der Grund-Thesen Karl Marx' teilt: "Das Kapital ist nicht wertschöpfend. Nur Arbeit ist wertschöpfend!"

Schobel machte klar: Hunger und Unterentwicklung sind kein Knappheits-, sondern ein Verteilungsproblem. "Fachleute sind sich sicher: Bis zu zwölf Milliarden Menschen könnten auf diesem Planeten nicht nur überleben, sondern gut und gerne leben. Aber natürlich nicht, solange zum Beispiel einhundert Menschen so viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit insgesamt und ein Fünftel der Menschen vier Fünftel aller Ressourcen verbraten. Würden alle so leben wollen wie wir, bräuchte man vier Erdbälle, aber wir haben nur den einen." Auch in Deutschland besitzen zehn Prozent der Haushalte 60 Prozent des Vermögens, erinnerte Schobel.

An ein weiteres Wort aus der Bibel knüpfte Schobel an: "Gott der Gerechtigkeit". Dabei spann er eine Verbindung zum Gedanken der Nachhaltigkeit und er Gerechtigkeit über Generationen hinweg. In diesen Zusammenhang stellte Schobel das Sabbat-Gebot und empörte sich, daß der Sonntag für den Konsum "freigeschossen" werden solle. Hier sei eine wichtige Aufgabe der Gewerkschaften, dem entgegen zu wirken. "Wer heute am Sonntag einkauft, wird morgen auch am Sonntag arbeiten müssen!" Der Gedanke der Nachhaltigkeit stecke schon in dem Wort der Bibel, daß im siebten Jahr, dem Sabbat-Jahr, auch die Felder ruhen. Jesus habe dieses Gerechtigkeits-Prinzip mit dem Barmherzigkeits-Prinzip sogar noch überboten. In diesem Zusammenhang sei das Gleichnis vom Weinberg eine Lehrparabel: "Es darf gar keinen Lohn geben, der nicht das Grundeinkommen deckt!"


Der 75-jährige Paul Schobel ist ehemaliger Betriebsseelsorger und Mitglied der Katholischen ArbeitnehmerInnen-Bewegung. Er hielt eine viel beachtete Rede beim Ostermarsch 2016 in Stuttgart und ist Co-Autor des 'Rottenburger Appells' mit dem Titel "Für eine Ökonomie des Teilens - für eine soziale, nachhaltige Marktwirtschaft".